Handicap - das große Missverständnis?

Viele Golfer haben das bestimmt schon einmal erlebt. Mit großem Einsatz haben sie ihre Wettspielrunde beendet, waren mit ihrem Spiel eigentlich sehr zufrieden, aber das Ergebnis waren dann eben doch nur 32 Nettopunkte. Enttäuschung macht sich breit. Doch die ist im Grunde völlig unbegründet.

Warum diese Enttäuschung? Der Grund beruht auf einem Missverständnis, nämlich der Bedeutung des Handicaps. Die meisten Golfer erwarten, dass sie bei normalem Spiel 36 Nettopunkte erreichen müssten. Das genau ist das Problem, denn diese Erwartung kann nur regelmäßig enttäuscht werden.

Das Vorgabensystem ist so aufgebaut, dass das Handicap die aktuelle, gewichtete (!) Bestleistung des Golfers darstellt. Es beschreibt also letztlich (nur) dessen Potenzial, das er abzurufen in der Lage ist, wenn tatsächlich einmal alles passt, wenn also beispielsweise auch mal ein Putt fällt, der normalerweise nicht unbedingt fällt. Dementsprechend soll eine Unterspielung eine Verbesserung des Potenzials widerspiegeln, nicht aber das bloße Ausschöpfen des Potenzials.

Ein Golfer, der 32 Punkte spielt, hat das bestehende Potenzial also nicht voll ausgeschöpft oder vielleicht hat ihm an diesem Tag auch einfach nur das nötige Quäntchen Glück gefehlt. Trotzdem hat er sich aber innerhalb seines Spielpotenzials bewegt. Also „alles in Ordnung“.

Die durchschnittlich zu erwartende Nettopunktzahl ist natürlich abhängig von der Spielstärke. Aber sie beträgt auch bei den besten Golfern statistisch gesehen nicht 36 Punkte. Bei den Besten ist eine durchschnittliche (regelmäßige) Nettopunktzahl von 34 zu erwarten, nicht mehr. Diese Zahl sinkt natürlich mit zunehmender Vorgabe.

Der Bundesdurchschnitt z.B. im Jahr 2009 über die Vorgabenklassen 1 bis 4 zusammengefasst spiegelt sich wie folgt wieder. Der Peak (Spitze) liegt bei etwa 31,5 Nettopunkten. Würde man die Vorgabenklassen 5 und 6 noch hinzunehmen, so würde der Scheitelpunkt eher bei 30 Nettopunkten liegen.

Warum das Handicap kein Durchschnittsergebnis widerspiegeln kann, erklärt die Systemantik an sich.

Zum Einen gibt es Pufferzonen unterhalb der 36 Punke, nicht aber oberhalb. Das führt dazu, dass ein Ergebnis, dass das Potenzial nahezu ausschöpft (35 Punkte) zu keiner Veränderung der Vorgabe führt, ein Ergebnis, das gerade oberhalb liegt (37 Punkte) aber sehr wohl.
Zum Anderen werden Unterspielungen sehr viel höher gewichtet als Überspielungen. Unterspielungen pro Schlag (bspw. 0,4 pro Schlag in Vorgabenklasse 4), Überspielungen aber nur pro Runde (0,1). Somit kann das Handicap kein Durchschnittswert sein.

Wer sich dessen bewusst wird, und das nächste Mal mit 32 Nettopunkten ins Clubhaus kommt, sollte sein gutes Spiel während der Runde genießen können – in der Erkenntnis, dass auch „vorgabentechnisch“ eigentlich alles gestimmt hat.

Marcus Odendahl
- Spielführer -